Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, können ihre eigenen Muster hervorragend erklären. Sie wissen, warum sie unter Druck kontrollierend werden, Konflikten ausweichen oder Verantwortung nur schwer abgeben. Sie kennen ihre Biografie, ihre Trigger, ihre typischen Reaktionen und manchmal sogar die Dynamik, die sie damit im Team auslösen. Manchmal denke ich während eines Coachings: Perfekt verstanden. Und drei Wochen später passiert dasselbe wieder. Das hat mich lange beschäftigt, weil wir Einsicht gern als Beginn von Veränderung betrachten. Wenn ein Mensch sein Muster erkennt, müsste er doch anschließend in der Lage sein, es zu verlassen. Inzwischen glaube ich, dass genau diese Annahme unterschätzt, wie mächtig Gewohnheiten sind.
Man kann ein Muster sehr gut verstehen und trotzdem vollkommen darin bleiben. Gerade intelligente Menschen haben dabei einen besonderen Vorteil: Sie können fast jeden Zustand differenziert erklären. Warum dieses Team gerade tatsächlich mehr Kontrolle braucht. Warum heute wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für das schwierige Gespräch war. Warum man in dieser konkreten Situation ausnahmsweise selbst eingreifen musste. Das Schwierige ist, dass diese Erklärungen stimmen können. Wir brauchen keine Lüge, um uns nicht zu verändern. Eine gute Begründung reicht häufig.
Nehmen wir eine Führungskraft, die längst weiß, dass sie zu tief ins operative Geschäft eingreift. Sie versteht, woher ihr Verhalten kommt. Sie trägt hohe Verantwortung, erkennt Fehler schnell und hat erlebt, was passieren kann, wenn sie Dinge einfach laufen lässt. Dann sitzt sie am Dienstagmorgen in einem Meeting, ein Mitarbeiter präsentiert einen Vorschlag und sie sieht sofort eine Schwachstelle. Natürlich greift sie ein. In diesem Moment fühlt sich ihr Verhalten nicht wie „mein altes Muster“ an. Es fühlt sich wie eine vernünftige Reaktion auf einen konkreten Sachverhalt an. Genau dort liegt die Schwierigkeit. Irgendwann wird aus einem wiederholten Verhalten außerdem ein Teil der eigenen Identität. Wer immer schnell entschieden hat, erlebt sich als entscheidungsstark. Wer Konflikte glättet, vielleicht als verbindend. Wer alles überprüft, als gewissenhaft. Dann wird Veränderung plötzlich größer. Es geht nicht mehr nur darum, etwas anders zu tun. Für einen kurzen Moment steht die Frage im Raum, wer ich bin, wenn ich diese vertraute Reaktion nicht mehr zeige.
Deshalb gefällt mir das Bild vom Balkon. Abstand klingt zunächst angenehm. In der Praxis kann er sich merkwürdig anfühlen. Für einen Moment löst sich die Selbstverständlichkeit zwischen mir und meiner Rolle. Aus „so bin ich“ wird „das tue ich gerade“. Das eröffnet Freiheit und kann sich gleichzeitig nach Kontrollverlust anfühlen. Der innere Analyst hilft uns dabei nur begrenzt. Er versteht, ordnet ein und gibt uns das gute Gefühl, bereits etwas bearbeitet zu haben. Deshalb frage ich heute lieber, was in den wenigen Sekunden passiert, bevor das Muster übernimmt. Wenn jemand merkt, dass er innerlich beschleunigt, sich verteidigen möchte, sofort erklären will oder die Kontrolle zurückholen möchte, liegt genau dort ein interessanter Moment. Vielleicht verändert er zunächst gar nichts. Vielleicht wartet er einfach fünf Sekunden. Diese kleine Verzögerung ist für ein automatisches Muster enorm. Zum ersten Mal wird aus der Reaktion etwas, das beobachtet werden kann.
Daran würde ich auch Fortschritt messen. Erkennt jemand sein Muster erst am nächsten Tag? Eine Stunde später? Direkt nach der Situation? Währenddessen? Vielleicht irgendwann kurz davor? Je früher der Moment sichtbar wird, desto größer wird der tatsächliche Handlungsspielraum. Und manchmal hilft eine weitere Frage: Macht meine Analyse gerade etwas möglich, oder erklärt sie nur sehr präzise, warum alles so bleiben muss? Reflexion ist wertvoll. Ich habe einen großen Teil meines Berufslebens damit verbracht. Sie ist für mich nur kein Endprodukt. Irgendwann muss sie Kontakt mit Verhalten bekommen.
Wenn dieser Text etwas berührt, das bei Ihnen ansteht: sprechen wir.
