Es gibt einen Moment in Workshops, der mich immer wieder irritiert. Jemand schaut auf die Uhr, klappt den Laptop zu und sagt: „Tut mir leid, ich muss weiter.“ Vielleicht wartet ein Kunde, vielleicht der Vorstand, vielleicht gibt es tatsächlich einen dringenden Anruf. Die einzelne Situation interessiert mich dabei weniger als ihre Wiederholung. Menschen beurteilen Ausnahmen meist großzügig. Muster beurteilen sie sehr genau. Wenn der gleiche Teamtermin zum dritten Mal verkürzt wird, eine Führungskraft regelmäßig später kommt oder bei bestimmten Gesprächen parallel am Laptop arbeitet, entsteht eine Information. Niemand muss sie aussprechen. Die Beteiligten lernen trotzdem, wo sie in der tatsächlichen Prioritätenordnung stehen.
Deshalb glaube ich, dass Führungskräfte ihre eigene Kommunikation manchmal an der falschen Stelle suchen. Wir investieren viel Energie in Townhalls, Strategiepapiere und Führungsbotschaften. Gleichzeitig kommuniziert ein Kalender jeden Tag ziemlich präzise, wofür Aufmerksamkeit tatsächlich ausgegeben wird. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Genau deshalb besitzt ihre Verteilung Glaubwürdigkeit. „Meine Tür steht immer offen“ kann aufrichtig gemeint sein. Es beantwortet trotzdem nicht die Frage, was geschieht, wenn jemand durch diese Tür kommt. Bekommt er zwanzig konzentrierte Minuten? Oder redet er gegen den nächsten Termin an? Liegt das Telefon auf dem Tisch? Wird das Gespräch beim ersten Anruf unterbrochen?
Menschen passen sich daran an. Sie werden kürzer. Sie bringen eine bereits sortierte Version. Sie sagen „ist jetzt auch nicht so wichtig“. Manche Dinge werden überhaupt erst dann erzählt, wenn sie groß genug geworden sind, um die Zeit der Führungskraft zu rechtfertigen. Später entsteht die bekannte Frage: Warum erfahre ich solche Dinge eigentlich immer so spät? Manchmal beginnt die Antwort im Kalender. Das gilt besonders für schwierige Gespräche. Manche Informationen kommen nicht in den ersten fünf Minuten. Menschen testen einen Raum. Sie beginnen mit der sachlichen Version, beobachten die Reaktion und entscheiden erst danach, wie viel sie tatsächlich sagen. In meinen Coachings erlebe ich immer wieder, dass die wichtigen Dinge ganz am Schluss kommen, wenn die Tür fast schon halb offen ist.
Aufmerksamkeit wirkt außerdem auf eine zweite Weise. Führungskräfte sind Orientierungspunkte. Wenn sie bei einem Thema regelmäßig nachfragen, wird es wichtiger. Wenn sie für ein Projekt persönlich Zeit blocken, wird das gelesen. Wenn sie einen Termin regelmäßig früher verlassen, ebenfalls. Das Team muss schließlich herausfinden, was im Unternehmen wirklich zählt. Und es orientiert sich dabei vernünftigerweise stärker an wiederholtem Verhalten als an einer PowerPoint-Folie mit Prioritäten. Ich würde Führungskräften deshalb manchmal gerne eine einfache Übung geben: Öffne deinen Kalender und lies ihn so, als dürftest du nichts über deine eigenen Absichten wissen. Welche Themen scheinen wichtig? Welche Menschen bekommen geschützte Zeit? Was wird regelmäßig verschoben? Wo ist Raum für Probleme, wo für Entwicklung und wo für Denken?
Es gibt keine perfekte Verteilung. Der Kalender eines CEOs darf anders aussehen als der eines Teamleiters. In einer Krise verändern sich Prioritäten. Entscheidend ist eine andere Frage: Erzählt dein Kalender ungefähr dieselbe Geschichte wie du? Ich halte Aufmerksamkeit deshalb für eine sehr konkrete Form von Wertschätzung. Sie kostet etwas. Und gerade weil sie begrenzt ist, merken Menschen sehr schnell, wie wir sie verteilen. Einmal früher aus einem Workshop zu gehen bedeutet wenig. Beim fünften Mal ist es vielleicht bereits Führungskommunikation.
Wenn dieser Text etwas berührt, das bei Ihnen ansteht: sprechen wir.
